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Wie? Du stehst nicht auf Männer?


In meinem Leben läuft einiges anders. Immer schon. Sei es mein Verhalten in meiner Kindheit oder Jugend, seien es meine Leidenschaften, die ich im Laufe meines Lebens entwickelt hab (zum Beispiel die Liebe zu selbstgestrickten Armstulpen, die mir seither alle Welt versucht auszureden) oder meine Denk- und Handlungsweise; es ist anders als es normale Menschen tun. 

Und genauso war es auch bei meinem Coming Out, von dem ich euch in den nächsten Teilen erzählen möchte :-) Allerdings muss ich vorweg erwähnen, dass ich kein großer Fan von offiziellen Outings bin. Ich finde nicht, dass „schwul sein“ oder lesbisch oder was auch immer etwas ist, das man anderen ganz offiziell mitteilen müsste. Denn so stimmt man nur der Allgemeinheit zu, dass es etwas Schlimmes wäre. Etwas, vor dem man alle warnen müsste, besonders die Eltern oder die Freunde.

So hielt ich es, seit ich mich das erste Mal in einen Mann verguckte. Es war Michael J. Fox, der Schauspieler aus Zurück in die Zukunft. Ich weiß nicht, ob die jüngere Generation unter euch damit noch etwas anfangen kann, aber als ich klein war, war das der Hit. Es war für mich nichts Besonderes – klar, ich meine, für mich war es schon etwas Besonderes, dieser Typ verwandelte meine Beine in Wackelpudding, wenn er auf der Mattscheibe erschien und ich wurde jedes Mal direkt rot, wenn ihn jemand erwähnte – Aber es war nichts, was ich jetzt als Sensation verkaufen müsste.

Als Kind habe ich meistens mit Mädchen gespielt. Natürlich wurde auch mal die eine oder andere Bude mit Jungs aus der Nachbarschaft gebaut, aber die wollten eben nicht mit Puppen oder Barbies spielen, ich aber schon. Also wurden Mädchen meine Freunde (mit denen ich wohlgemerkt auch Jungskram machen konnte wenn wir wollten… wollten wir aber eher selten ;-)).
Auch später, als ich älter wurde, blieb ich lieber meinen teilweise jüngeren Freundinnen treu. Mit Gleichaltrigen konnte ich nichts anfangen. Überhaupt fand ich alles doof, das mit dem Älterwerden zu tun hatte. Ich hatte kein Interesse daran, in Diskos tanzen zu gehen, noch dazu zu Musik, die mir nicht gefiel, und ich hatte auch keine Lust darauf, mit ihnen über die Jungs zu reden, auf die sie standen oder übers Schminken oder Klamotten. Und auf der anderen Seite war es genauso, das was die Jungs in meinem Alter interessierte, fand ich furchtbar. Als gäbe es nichts anderes als Videospiele zu spielen und sich vor den Mädels so cool wie irgend möglich zu geben. Schüttel.
Mein Interesse galt, seit ich denken kann, dem Nachspielen und Weitererfinden von Fernsehserien oder Hörspielen. Für Jugendliche in meinem Alter war das viel zu uncool. Meine teilweise bis zu 4 Jahre jüngeren Nachbar-Mädels hingegen machten bei jedem Scheiß mit. Wir malten die Grundrisse von Häusern auf die Straße und wohnten darin; wir erfanden unsere eigenen Tänze und führten sie vor versammelter Nachbarschaft auf; und wir blieben draußen bis es dunkel war, um uns auf die Wiese zu legen und die Sterne zu beobachten, wobei wir uns ausdachten, was da draußen wohl gerade passiert.
Überhaupt habe ich mir im Laufe meines Lebens antrainiert, alles Mögliche der Phantasie zu überlassen.

Nun ja, irgendwann wurde dann doch auch ich mal älter und fing tatsächlich an, mich für andere zu interessieren. Also, auf eine andere Weise als bisher. Und wie bereits erwähnt, machte ich keinen Hehl daraus, wie überirdisch toll ich Marty McFly auf einmal fand. (Übrigens: Marty ist tatsächlich mein richtiger Name, aber dazu später mehr)

Und das änderte sich auch nicht, als ich mit 19 Jahren meine erste Freundin bekam. Zuvor verliebte ich mich ja wie selbstverständlich in Jungs, worüber sich mittlerweile auch niemand mehr sonderlich wunderte. Egal, ob Popstars, Schauspieler oder Jungs aus der Nachbarschaft, ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Und wäre das Internet damals schon so weit gewesen wie heute, sicher auch zu den Jungs aus Foren, Chats und Communities. Wobei ich natürlich betonen möchte, dass ich mich nicht in jeden verliebt habe, der mir über den Weg lief. Bei weitem nicht.
Als ich allerdings dieses Mädchen „anschleppte“ kamen erste fragende Blicke. Sätze wie „Wie? Du stehst gar nicht auf Männer?“ waren keine Seltenheit. Meine Antwort: „Nee, anscheinend nicht“ war dann sozusagen mein Coming Out vor anderen Menschen. Es passierte ganz nebenbei, völlig unspektakulär, so als würde ich meinen Angehörigen mitteilen, dass ich mich kürzlich dazu entschlossen hätte, Jura zu studieren. Was ich natürlich nie wollte, dafür fehlte mir schlichtweg der Grips.
Aber ich muss zugeben, dass es die erste Zeit für mich genauso merkwürdig war, auf einmal für ein Mädchen zu schwärmen. Sie war so gar nicht wie ein Junge. Doch die Tatsache, dass ich ganz wirklich für sie schwärmte, zeigte mir, dass ich offenbar offen für beides bin. So fand ich also mit 19 Jahren heraus, dass meine sexuellen Vorlieben in mehrere Richtungen gehen.

Mein wahres, echtes, beabsichtigtes und geplantes Coming Out – und der Grund, warum es mein Leben lang niemanden verwundert hatte, dass ich auf Jungs, bzw. Männer stehe – passierte in dem Moment, wo ich meinen Eltern mitteilte, dass ich mich selbst als Junge fühle.

Denn bis dato hielt mich alle Welt für ein Mädchen (mich die Jahre bis zur Pubertät eingeschlossen). Ich bin nämlich transsexuell. Ein Transmann um genau zu sein.
Also könnte man sagen, ich habe mein Coming Out darüber, schwul zu sein (obwohl ja eigentlich bi), im selben Moment gehabt, wie darüber, ein Junge zu sein. Denn das war der Moment, wo meine Liebe zu Männern nicht mehr heterosexueller Natur war. Und das brachte die Leute plötzlich auf ganz andere Probleme. Probleme, auf die ich selbst nie im Leben von allein gekommen wäre: Wenn ich doch auf Männer stände, warum würde ich mich dann überhaupt umoperieren lassen wollen? Würde ich als Frau nicht viel leichter einen Mann finden? Natürlich würde ich das, einen Mann, der auf Brüste und das ganze weibliche Gedöns steht! Aber genau das wollte ich ja nicht! Mal davon abgesehen, dass ich mein Leben auch nicht danach ausrichten wollte, einen Kerl zu finden. Ich wollte einfach nur irgendwann einen Mann haben, der mich als ebensolchen wahrnimmt und mich genau deswegen mag. Dass dieser Mann schwul sein müsste war nur die logische Konsequenz daraus.
Und was soll ich sagen, anders hätte ich auch meinen Freund niemals kennengelernt, mit dem ich mittlerweile sogar glücklich verheiratet bin. Ich kann mir kaum vorstellen, jemals einen heterosexuellen Mann kennen zu lernen, der meine Leidenschaften teilt.

Aber spulen wir etwas zurück. Nach meinem Trans-Coming-Out war nichts mehr so wie vorher. Nachdem immer die gleiche entsetzte Reaktion darauf folgte, wusste jeder am besten, wie ich zu leben habe. Oder noch viel schlimmer, die Meisten meinten genau zu wissen, dass ich gar kein Mann wäre, dass ich vielmehr bekloppt wäre. Leute, die ich nur vom Sehen her kannte, redeten mit anderen hinter meinem Rücken darüber, dass ein Junge sich nicht so verhalten würde wie ich. Selbst der eine oder andere von euch, der sich an den ersten Teil meines Berichts erinnert, denkt jetzt sicher, dass die im Grunde doch alle Recht hatten. Aber nein, so ist es nicht. Ein Mann zeichnet sich nämlich nicht dadurch aus, dass er sich mit anderen prügelt und am liebsten nur Videospiele spielen würde. Genauso wenig zeichnet sich ein Mädchen dadurch aus, dass es rosa trägt, wegen jeder Kleinigkeit heult und nichts wichtiger findet, als sich zu schminken. Richtig ist, dass ich vieles mit Mädchen gemeinsam habe, die dem Stereotyp entsprechen, doch das, was mich zu der Erkenntnis brachte, ein waschechter Mann zu sein, ist die Tatsache, wie unwohl ich mich in meinem Körper fühlte.
Das lässt sich sogar ganz einfach veranschaulichen. Stellt euch vor, ihr zieht euch ein Hemd oder T-Shirt an und man sieht deutlich einen Busen. Oder noch schlimmer, ihr wollt ins Freibad und könnt nicht bloß eine Badehose tragen, weil obenrum zwei Brüste vor euch herschaukeln, die ihr, wenn euch die verstörten Blicke der anderen stören, so gut wie möglich versucht zu verstecken. Aber wie versteckt man die? Sie sind einfach da und das ist grauenvoll!
Genauso ist es mit dem Penis. Stellt euch vor, ihr geht aufs Klo, wollt ihn rausholen um zu pinkeln und da ist nichts. Ihr müsst euch hinsetzen. Auch im Wald. In die Brennnesseln. Na ja, dass da kein Penis ist, kann man in der Öffentlichkeit verbergen, aber Brüste lassen sich nur unter Bandagen wegdrücken. Und will man das für den Rest seines Lebens? Entweder mit Busen rumlaufen oder sich Blutergüsse holen beim Versuch, sie zu verstecken?
Jedes weitere Zeichen an Weiblichkeit, das mit dem Beginn der Pubertät auftrat, zerstörte mich mehr. An dem Tag, als ich das erste Mal meine Tage bekam ging die Welt für mich dann völlig unter. Ich weiß noch, dass ich eigentlich mit einer Freundin zelten wollte, dann aber so verstört war, dass ich mich den restlichen Tag nur noch in meinem Zimmer verbarrikadierte und weinte. Jedes „Etwas“, das mich weiblicher machte, verband ich mit dem erwachsen werden. Und deswegen sperrte ich mich auch so dagegen, erwachsen zu werden.

Dazu kommt dann das innere Gefühl. Ein Gefühl, dass man einfach als Mann wahrgenommen werden will. In meinem Fall zwar ein Mann, der als Kind mit Puppen gespielt hat, aber ein Mann, der auch mit „Herr“ angesprochen werden möchte und mit männlichem Vornamen. Der es als Beleidigung auffasst, wenn er auf der Straße von wildfremden Leuten gefragt wird, ob er ein Mann oder eine Frau wäre. Ich meine, hallo, geht’s noch? Haben die Leute keine anderen Probleme? Ich gehe auch nicht zu ‘nem wildfremden Rollstuhlfahrer und frage ihn, ob er wirklich nicht laufen kann oder ob er nur zu faul zum Gehen ist. Das wäre genauso unverschämt und für mich vollkommen irrelevant.

Wie wurde mir eigentlich bewusst, dass das, was in mir vorging, als Transsexualität bezeichnet wird?

Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht mehr so genau. Ich weiß nur noch, dass ich überrascht war, dass das auch „anders rum“ funktioniert. Also nicht nur von Mann zu Frau, sondern auch umgekehrt. Von solchen Leuten hatte ich zuvor noch nie gehört. Aber es war wie ein Befreiungsschlag. Das geht also offenbar wirklich! Es ist möglich, sich als Mann zu fühlen, auch wenn der Blick ins Schlüppa was anderes sagt. Für jemanden, der damit aufgewachsen ist, dass nur das geht, was man kennt, war das eine unglaubliche Erkenntnis. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich von da an auf einmal auch andere Dinge in Frage stellte, die vorher selbstverständlich waren, mich aber störten. Zum Beispiel, warum mein Bruder bei Feierlichkeiten normal rumlaufen durfte, man mich aber prinzipiell in feine Kleider mit Rüschen stopfte.
Und es hatte keine Woche gedauert, da hatte ich einen Jungs-Haarschnitt.

Aber warum habe ich daraus ein offizielles Coming Out gemacht, wo ich doch der Ansicht bin, dass so etwas selbstverständlich zu sein hat?
Weil es, im Gegensatz zum schwul sein, etwas ist, das das eigene Leben und ein bisschen auch das Leben seiner Angehörigen verändert. Es wird Zeit und Geld in Therapien und Gutachten gesteckt, man bekommt Hormone, die das Aussehen verändern, der Name ändert sich. Das sind einschneidende Dinge, über die Angehörige durchaus Bescheid wissen sollten, wenn sie „da mitspielen“ sollen. Andernfalls sähen sie auch gar keinen Anlass dazu, einen von nun an Thomas zu nennen und nicht mehr Emma.

Nachdem ich also schließlich bei den wichtigsten Leuten geoutet war und mich des Lebens freute, kam die Ernüchterung. Es wäre ja auch langweilig gewesen, einfach sein Leben leben zu dürfen.
„Du wirst niemals ein richtiger Mann sein“, bekam ich oft zu hören. Sogar in der Talkshow „Britt“ in der ich als Talkgast aufgetreten war, um auf diese Weise Gleichgesinnte zu finden, knallte man mir diesen Satz vor den Kopf. Damals habe ich leider, leider, leider einfach das zitiert, was ich irgendwo im Internet gelesen hatte, heute würde ich die blöde Kuh fragen, was ihrer Meinung nach denn einen Mann ausmacht. Ob jeder Kerl, der bei einem schlimmen Unfall sein bestes Stück verlor, automatisch eine Frau für sie ist.
Und diese Anfeindungen zogen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Wo ich in der Schule als Teenager „nur“ gemobbt wurde, weil ich (Zitat) sauhässlich war, sah ich mich ab Einnahme von männlichen Hormonen damit konfrontiert, von sämtlichen Klo’s dieser Welt gescheucht zu werden, seien es Männer- oder Frauen-Klo’s; auf einer mehrtägigen Klassenfahrt während meines Fachabiturs stritt man sich darüber, wer mich mit ins Zimmer nehmen müsse; und man hielt mir Vorträge darüber, dass ich Gott verärgern würde, wenn ich sein Werk nicht in Ruhe lasse (um nur mal ein paar Beispiele zu nennen).
Erschwerend kam hinzu, dass ich auf meinem Weg zu den geschlechtsangleichenden Operationen prinzipiell an Ärzte geriet, die sich mir in den Weg stellten. Mein erster Therapeut, der mir für die OP’s hätte ein Gutachten ausstellen sollen, setzte seinem Leben ein Ende, kurz bevor er das hätte ausstellen können – also 3 Jahre für die Katz; der Frauenarzt, der mir nach dem OK der Krankenkasse hätte Hormone geben müssen, weigerte sich strikt und der Operateur, der mich zwecks der Brust-OP hätte beraten sollen, wollte mir keinen Termin geben. Ich hatte zwischenzeitlich gut und gerne Lust, meinem eigenen Leben ein Ende zu setzen, weil es nicht danach aussah, als würde ich jemals ans Ziel kommen. Die gehässigen Kommentare meiner Mitmenschen machten es natürlich nicht einfacher. Man kann sich noch so anstrengen, wenn die Außenwelt einfach alles daran setzt, dass man scheitert, hat man nicht die geringste Chance, sofern man auf andere angewiesen ist.
In dieser Zeit wurde der Fernseher mein bester Freund. Er tröstete mich, er lenkte mich ab. Er machte mich zur Nachteule.
Und iiiirgendwann schien die Außenwelt mich vergessen zu haben. Der erste Schritt in die richtige Richtung gelang, ich fand einen Therapeuten, der nicht darauf bestand, die 3 Jahre Therapiezeit, die zu der Zeit noch Pflicht waren, zu wiederholen. Von da an ging alles ganz schnell. Ehe ich mich versah hatte ich tatsächlich die Zugfahrkarte in der Hand, die mich schließlich zur großen OP brachte.

Für den Namen „Marty“ entschied ich mich übrigens aufgrund meiner gleichnamigen Rolle in unseren Spielereien, in denen wir „Zurück in die Zukunft“ weitersponnen. Diese Welt, die wir uns erschufen, wurde für mich ein wahrer Rückzugsort, der mich immer öfter vom Fernseher weglockte. Hier konnte ich ganz Junge sein, hier merkte ich überhaupt erst, wie wohl ich mich in der Rolle eines Jungen fühlte. Und auch wenn „Marty“ nicht der einzige Charakter war, den ich spielte, stand dieser Name doch stellvertretend für die ganze Welt.

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