Transsexualität im Kindes und Jugendalter

Früher hieß Dominik Leonie, hatte kurze Blonde Haare und trug immer nur Hosen. Nach den Ferien, am Beginn der 2. Klasse Mittelschule, gleich am ersten Tag, verkündete Leonie das sie ab jetzt Dominik heißt und auch wie ein Junge behandelt werden möchte. Jetzt hatte er einen total Burschikosen Haarschnitt und trägt schlaprige T- Shirts. Abgesehen von ein paar typisch weiblichen Spielsachen in seinem Zimmer zu Hause erinnert nichts mehr daran, dass Dominik eigentlich als Mädchen zur Welt kam. Schon früh merkte Dominik, dass er sich in seinem Körper nicht wohl fühlte und auch seine Eltern merkten sehr bald, dass er sich nicht wie ein typisches Mädchen benahm.

In der Grundschule gab Leonie sich dann überhaupt nicht mehr mit Mädchen ab. Sie entdeckte erst den Fußball, dann das Basketballspielen, ging heimlich aufs andere Klo. Den Mitschülern fiel es kaum auf, die meisten hielten Leonie ohnehin für einen Jungen mit einem etwas seltsamen Namen.

Leonies Mutter tat sich mit der Erkenntnis schwerer. Die Dramen beim Friseur, Leonies Ausraster beim Schuhekaufen, wenn die Verkäuferin ein rotes Paar brachte – Die Mutter von Leonie hielt es lange Zeit für einen Spleen. Doch irgendwann verstand auch sie. Noch gut erinnert sie sich an eine Szene vor dem Fernseher. Ein Fußballspiel war zu Ende, Leonies Lieblingsverein hatte verloren und das Kind weinte und weinte. Ein Mädchen, das beim Fußballgucken heult: Das hatte ich noch nie gehört.

Anfangs hatten seine Eltern es nur als eine Art Entwicklungsphase gesehen, erst später als sie Bedenken bekamen fing es an mit den Arztbesuchen.  Zuerst zum Kinderarzt dann weiter zum Kinderpsychologen, der eine Menge Gespräche mit den Eltern und Dominik führte, dann weiter zum Gutachter bis er schließlich die Diagnose Geschlechtsidentitätsstörung bekam. Erst in den letzten Jahren wurde eine Zunahme dieser mittlerweile anerkannten Verhaltensstörung im Kindes- und Jugendalter offiziell anerkannt.

Was nicht heißt, dass es solche Verhaltensauffälligkeiten nicht schon immer gegeben hat. Früher war es aber eher üblich zu strengeren Erziehungsmaßnahmen zu greifen um den Jungs und Mädchen ihre dem Körper zugehörige Geschlechterrolle anzupassen.

Doch ist es verantwortbar, wenn Mediziner immer mehr Jugendliche immer früher mit Sexualhormonen zu einer Geschlechtsangleichung verhelfen? Ab wann sind junge Menschen alt genug, zu wissen, wer sie wirklich sind? Und was ist der Grund dafür, dass in die Spezialambulanzen seit ein paar Jahren besonders viele Mädchen kommen, die mit ihrem Geschlecht unglücklich sind?

Der Zuwachs steht für einen grundlegenden Einstellungswandel.

Heute wagen es viel mehr Jugendliche, sich zu offenbaren und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mittlerweile gehören schwule und lesbische Lebensformen zum modernen Biologieunterricht wie Pille und Präservativ. In den Medien wird die sexuelle Vielfalt geradezu gefeiert.

Rechtskonservative mögen den Genderwahn auf dem Lehrplan geißeln, wie sie es zurzeit in Hessen tun.

Die Kids haben damit aber wenig Probleme. Während mancher Erwachsener LGBTI noch für einen Mobilfunkstandard hält, entziffern sie mühelos den Buchstabensalat als Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Intersexual – und ergänzen dabei noch flink ein Q für Queer.

Angesichts dieses Liberalisierungsschubs wagen es heute viel mehr Jugendliche, sich zu offenbaren und Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie mit ihrem Geschlecht nicht zurecht kommen.

All dies bedeutet freilich nicht, dass junge Menschen, wie Dominik, es leicht haben. Das Gefühl, dass ihr Körper nicht zu ihnen passt, verwirrt und bleibt schmerzhaft. Spätestens wenn die Pubertät naht, wächst das Unbehagen zum Grauen. Plötzlich merken sie es: Was verniedlichend der kleine Unterschied genannt wird, teilt in Wirklichkeit die Menschheit. Vor dem Coming-out, als Dominik noch Leonie hieß, ging lange Zeit alles gut. Haarschnitt und Hosen sorgten dafür, dass er als Junge durchging. Was aber, wenn unter dem Hemd plötzlich Brüste wachsen?

Ärzte der freien Universität Amsterdam waren die ersten, die Mitte der neunziger Jahre diese sogenannten Pubertätsblocker einsetzten. Die Hormone funktionieren wie ein Stoppknopf für die körperliche Entwicklung. Sie verhindern das Brustwachstum bei Mädchen und Bartwuchs sowie Stimmbruch bei Jungen – all jene Geschlechtsmerkmale also, die man später nur mit großem operativem Aufwand und niemals ohne bleibende Spuren wieder beseitigen kann. Gleichzeitig sollen die Pubertätsblocker den Heranwachsenden die Chance geben, sich eine Zeit lang in ihrem neuen Geschlecht auszuprobieren – würden sie weggelassen, ginge die Pubertät weiter. Anfangs gab es viel Kritik daran, schon Kindern Hormone zu verabreichen. Mittlerweile hat sich jedoch diese Behandlungsmethode nach vorangegangenen intensiven Untersuchungen in vielen Behandlungszentren durchgesetzt.

Lassen sich viele Jugendliche nur einreden, dass sie das falsche Geschlecht haben?

Tatsächlich kommt bei Kindern ein sogenanntes geschlechtsatypisches Verhalten nicht ganz selten vor. In den meisten Fällen geht es aber spätestens in der Grundschule zurück. Hält es an, können dahinter auch erste Anzeichen einer späteren Homosexualität stecken. Behandelt man die Heranwachsenden zu früh, nimmt man ihnen die Chance, das herauszufinden. Das ist dann ein Homosexualitätsverhinderungsprogramm.

Denn in der Praxis folgt dem ersten Behandlungsschritt – der Blockade der Pubertät – ein paar Jahre später so gut wie immer der zweite: die Geschlechtsanpassung des Körpers mit gegengeschlechtlichen Sexualhormonen. Dominik bekommt seit einem halben Jahr Testosteron. Jeden Morgen streicht er sich ein Hormon-Gel auf den Oberarm. Das Testosteron wird seine Stimme tiefer machen und in seinem Gesicht Haare sprießen lassen. Auf der pickligen Stirn sind die ersten Wirkungen des Gels schon zu sehen.

In den offiziellen Leitlinien zur Behandlung steht, dass man frühestens mit 16 Jahren die gegengeschlechtliche Therapie beginnen lassen soll. Doch daran halten sich die meisten Behandler schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Mitunter beginnen sie die hormonelle Prozedur sogar schon mit 13 Jahren, Dominik war 14 Jahre alt. Dies alles geschieht jedoch nicht ohne Psychische Begleitung.

Doch Vorsicht hinter mancher vermeintlichen Störung der Geschlechtsidentität könnten andere psychische Probleme oder Prekäre Lebensumstände oder auch eine gestörte Beziehung zu den Eltern liegen. Besonders schwer erklärbar sind gestiegene Behandlungszahlen bei Mädchen. Kamen früher meist Jungen in die Praxen, sind es heute überwiegend Mädchen, viele im Teenageralter.

Dass Mädchen im Schnitt später in die Praxen kommen als Jungen, muss nicht verwundern. Ein Junge in Rock oder Kleid fällt eben weit mehr auf als ein Mädchen mit Hosen. Am Ende aber sollten sich die Behandlungszahlen eigentlich angleichen. Tun sie aber bisher nicht. Kommt Transidentität also bei Mädchen von Natur aus häufiger vor? Oder reden sich viele von ihnen nur ein, im falschen Körper zu stecken? Gibt es einen von den Medien verursachten Hype? Ist Trans chic?

Klar ist immerhin so viel: Je früher die Kinder meinen, dass ihr Körper nicht zu ihrem gefühlten Geschlecht passt, je bestimmter sie nicht nur sagen, dass sie gern ein Junge wären , sondern dass sie ein Junge (oder Mädchen) sind , und je länger sie in ihrer gewünschten Identität leben – desto sicherer ist die Diagnose.


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